Kassel und der Eisenbahn-Schnellverkehr

Weitgehend unbekannt sein dürfte, dass Kassel vor Aufnahme des ICE-Schnellverkehrs in 1991 schon einmal in das Netz des Eisenbahn-Schnellverkehrs aufgenommen worden ist. Man muss dafür gedanklich etwas über achtzig Jahre zurück gehen und findet beispielsweise im Sommerkursbuch 1939 der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft die Lösung. Die Anbindung Kassels war nicht so grandios, dass man wie heute täglich mehrmals stündlich und kürzer eine Abfahrtszeit im Express von bzw. nach Kassel wählen könnte – nein, sie fand ab 15.08.1938 nur einmal an Werktagen mit einem Zugpaar statt. Die Einrichtung des Zugpaars FDt77/78 mit dem „Fliegenden Hamburger“ auf der Relation Frankfurt (Main) – Hamburg-Altona (>551 km) wurde möglich nach Inbetriebnahme von ca. 20 Schnelltriebwagen verschiedener Bauarten und die Umbeheimatung der Triebwagen VT 137 149 – 152, 137 224 und 137 229 – 231 von Berlin-Grunewald nach Hamburg-Altona. Aus diesem Bestand wurde das Zugpaar bedient. Das waren 1935/1936 bei der WUMAG in Görlitz gebaute zweiteilige Triebwagen mit dieselelektrischer Leistungsübertragung. Die Motorleistung von 2x302 kW (410 PS) verlieh ihnen eine Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h und bot 77 Fahrgästen in der 2. Klasse Platz.
Kursbuch Sommer 1939FDt 78 FDt 77
Verkehrstage werktags werktags
an ab an ab
Hamburg-Altona 17:4514:03
Hamburg Hbf 17:55 18:00 13:47 13:53
Hannover Hbf 19:2919:35 12:10 12:12
Göttingen 20:38 20:39 11:07 11:08
Kassel Hbf 21:29 21:31 10:1710:19
Frankfurt (Main) Hbf23:40 08:10
Auf seinem Laufweg zwischen Kassel und Göttingen wurde die Verbindung über die im Vergleich mit Eichenberg etwa 10 km kürzere, dafür aber steigungsreichere Strecke über Dransfeld geführt. Südlich von Kassel verkehrte das Zugpaar über die Main-Weser-Bahn. Die Abfahrts- und Ankunftszeiten in Kassel boten Geschäftsleuten aus der Region durchaus Gelegenheit, Gespräche mit Geschäftsfreunden zur „Kaffeezeit“ innerhalb einer Tagesreise zu führen. Der Eisenbahn-Schnellverkehr im damaligen Reich wurde bereits im August 1939 aus bekannten Gründen noch vor Ablauf der Fahrplanperiode (15.05. - 07.10.1939) zur Einsparung von flüssigen Kraftstoffen beendet.
Die Bahnsteiguhr dokumentiert es: am Aufnahmetag war der FDt78 offenbar auf die Minute pünktlich!

6. Mai 2023, Text HB, Foto: Stadtarchiv-Kassel, Bild 0.500.936, Fotograf Carl Eberth